Warum die Gletscher weiterhin schmelzen

Die Gletscher im Alpenraum reagieren laut Univ.-Prof. i.R. Dr. Gernot Patzelt (Universität Innsbruck, persönliches Interview) „hauptsächlich auf die 5 Monate des ‚Gletscher-Sommers‘ von Mai bis September“. Ein Alpengletscher könne praktisch nur in diesen fünf Monaten an Masse verlieren. Regen, warme Temperaturen und Sonneneinstrahlung gehen dem Gletscher an die Substanz. Dagegen spiele es kaum eine Rolle für den Gletscher, ob der Winter zu mild oder zu kalt ausfällt. In den Gletscherregionen fällt der Niederschlag von Oktober bis April praktisch ausschließlich in fester Form.

Wie also haben sich die Temperaturen des „Gletscher-Sommers“ von Mai bis September in den letzten Jahrzehnten verändert? Sehen Sie dazu exemplarisch drei Charts von der Zugspitze (D), dem Hohen Sonnblick (Ö) und vom Säntis (CH). Es zeigt sich ein gewaltiger Trend zur sommerlichen Erwärmung. Ebenso scheinen die Schneemengen im Winterhalbjahr (Oktober bis April) abgenommen zu haben. Siehe dazu die Statistiken zu den Schneehöhen am Stubaher Sonnblickkees.

 

Sommertemperaturen Zugspitze (D, 2.962 m)

Auf der Zugspitze, dem höchsten Berg Deutschlands, stiegen die Temperaturen im Gletscher-Sommer in den letzten Jahrzehnten kräftig an, speziell seit 1982 (siehe Abb. 1). Der 10-jährige gleitende Durchschnitt liegt derzeit bei plus 1,6 Grad Celsius . In der Zeit 1965 bis 1981 lag der 10-jährige gleitende Durchschnitt bedeutend tiefer, die Mittelwerte sanken zum Teil unter Null Grad Celsius. „Es ist jene Periode Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre, in der es im gesamten Alpenraum aufgrund des Massenzuwachses der meisten Gletscher zwischen 1965 und 1981 zu einem kurzen und bis dato letzten Gletschervorstoß kam. Dieser führte zur Bildung der so genannten 1980er-Moräne“, so der Glaziologe Univ.-Prof. em. Dr. Heinz Slupetzky (Universität Salzburg) im persönlichen Interview. Besonders kalt waren die Sommer 1978 und 1984. Dagegen waren die Sommer 2003 und 2012 die wärmsten Sommer (Mai bis September) auf der Zugspitze während der letzten 100 Jahre. Den dritten Platz teilen sich die Sommer 2015 und 1947. Es ist interessant zu beobachten, dass die Sommer der 1940er Jahre sehr warm waren, während die Winter dieser Zeit zu den kältesten seit Beginn der Instrumentenmessungen zählen.

 Abb. 1: Die Entwicklung der Temperaturen des "Gletscher-Sommers" (Mai bis September) auf der Zugspitze (D, 2.962 m) von 1916 bis 2015. Daten: DWD. Grafik: www.zukunft-skisport.at

Abb. 1: Die Entwicklung der Temperaturen des „Gletscher-Sommers“ (Mai bis September) auf der Zugspitze (D, 2.962 m) von 1916 bis 2015. Daten: DWD. Grafik: www.zukunft-skisport.at


Sommertemperaturen Hoher Sonnblick (Ö, 3.106 m)

Auf dem Hohen Sonnblick in Salzburg (Mess-Station auf 3.106 m Seehöhe) stiegen die Temperaturen im Gletscher-Sommer von 1970 bis 2015 kräftig an (siehe Abb. 2). Der 10-jährige gleitende Durchschnitt stieg um 1,7 Grad Celsius, von minus 0,6 auf plus 1,1 Grad. Die Periode von 1972 bis 1981 war auch am Sonnblick die kälteste der Messreihe. Und so konnte demnach auch in den Hohen Tauern „Anfang der 1980er Jahre der bis dato letzte kurze Gletschervorstoß beobachtet werden, auch genannt ‚1980er Vorstoß'“, so Univ.-Prof. em. Dr. Heinz Slupetzky im persönlichen Interview.

 Abb. 2: Die Entwicklung der Temperaturen des "Gletscher-Sommers" (Mai bis September) am Sonnblick-Gipfel (Ö, 3.106 m) von 1970 bis 2015.

Abb. 2: Die Entwicklung der Temperaturen des „Gletscher-Sommers“ (Mai bis September) am Sonnblick-Gipfel (Ö, 3.106 m) von 1970 bis 2015.

 

Sommertemperaturen Säntis (CH, 2.502 m)

Auch am Säntis (Ostschweiz, 2.502 m) stiegen die Temperaturen im Gletscher-Sommer seit Beginn der 1980er Jahre kräftig, begann 1982 die bis heute andauernde Phase einer Häufung von heißen Sommern. Beachtlich ist, dass hinter dem „Jahrhundert-Sommer“ von 2003 der Sommer 1947 besonders kräftig hervorsticht. Die 1970er Jahre waren auch am Säntis eine Phase besonders kühler Sommer. Sommertemperaturen_Saentis_1936-2015


Schneehöhen Stubacher Sonnblickkees (Ö, Granatspitzgruppe)

Von Univ.-Prof. Dr. Heinz Slupetzky stammen Messreihen der jährlichen Schneehöhen am Stubacher Sonnblickkees (im Gebiet der Rudolfshütte, Uttendorf) zum 01. Mai, 01. Juni und 01. Juli. Die Daten werden seit 1964 (Messreihen zum 01. Mai) bzw. 1973 (01. Juni sowie 01. Juli) erhoben. Die Messstelle “Unterer Boden” befindet sich auf etwa 2.520 Meter Seehöhe.

Aus der langjährigen Reihe der Schneehöhen zum 01. Mai ist ersichtlich, dass die Gletscher von 1965 bis Mitte der 1980er Jahre von viel höheren Schneemengen im Winterhalbjahr “profitieren” konnten als es derzeit der Fall ist (vgl. Abb. 4). Dies war – in Kombination mit kühleren Sommern – mit ein Grund für die kurze Massenzuwachsperiode der Gletscher in den 1960er und 1970er Jahren. „Seitdem haben die Schneehöhen zum 01. Mai abgenommen, vor allem aber fallen in erster Linie die überdurchschnittlich warmen bis heißen Sommer, wie 2003, ins Gewicht, wobei häufig schon ab Mai die Schneeschmelze auf den Gletschern beginnt. Dies führt(e) zum verstärkten Rückzug der Gletscher“, erläutert Professor Slupetzky im persönlichen Interview.

Abb. 4: Die Schneehöhen am Stubacher Sonnblickkees an der Messstelle "Unterer Boden" (Seehöhe: 2.500 m) von 1964 bis 2016, jeweils zum 01. Mai. Daten: Univ.-Prof. Dr. Heinz Slupetzky. Grafik: www.zukunft-skisport.at

Abb. 4: Die Schneehöhen am Stubacher Sonnblickkees an der Messstelle „Unterer Boden“ (Seehöhe: 2.500 m) von 1964 bis 2016, jeweils zum 01. Mai. Daten: Univ.-Prof. Dr. Heinz Slupetzky. Grafik: www.zukunft-skisport.at

Auch bei den Werten zum 01. Juni ist deutlich erkennbar, dass die Schnee-Rücklagen in den 1970er und Anfang der 1980er Jahre im Mittel deutlich größer waren als heute. Beginnend mit dem Jahr 2003 ist eine Seitwärtsbewegung zu beobachten. Die Schneehöhe am 01. Juni 2016 war mit 300 Zentimeter unterdurchschnittlich, etwa 12 % unterhalb des langjährigen Mittels (343 cm). Im Durchschnitt der letzten 30 Jahre (1987 bis 2016) liegt die Schneehöhe zum 01. Juni bei 310 Zentimeter. Siehe dazu die Abb. 5:

Abb. 5: Die Schneehöhen zum 01. Juni am Stubacher Sonnblickkees (Rudolfshütte) auf 2.520 Metern Seehöhe von 1973 bis 2016. Daten: Univ.-Prof. em. Dr. Heinz Slupetzky. Grafik: www.zukunft-skisport.at

Abb. 5: Die Schneehöhen zum 01. Juni am Stubacher Sonnblickkees (Rudolfshütte) auf 2.520 Metern Seehöhe von 1973 bis 2016. Daten: Univ.-Prof. em. Dr. Heinz Slupetzky. Grafik: www.zukunft-skisport.at

Bei den Werten zum 01. Juli ist der Abwärtstrend der Schneehöhen ebenfalls deutlich erkennbar. Derzeit ist ein (vorläufiger) Trend zur Stagnation zu beobachten. Die Schneehöhe am 01. Juli 2015 war mit 170 Zentimeter im Bereich des Mittels der letzten 25 Jahre. Siehe dazu die Abb. 6:

Abb. 5: Die Schneehöhen zum 01. Juli am Stubacher Sonnblickkees (Rudolfshütte) auf 2.520 Metern Seehöhe von 1973 bis 2015. Daten: Univ.-Prof. em. Dr. Heinz Slupetzky. Grafik: www.zukunft-skisport.at. Fehlende Daten: 1978

Abb. 6: Die Schneehöhen zum 01. Juli am Stubacher Sonnblickkees (Rudolfshütte) auf 2.520 Metern Seehöhe von 1973 bis 2015. Daten: Univ.-Prof. em. Dr. Heinz Slupetzky. Grafik: www.zukunft-skisport.at. Fehlende Daten: 1978

 

Vielen Dank für wertvolle Diskussionen, Anregungen und Ergänzungen:
:: Univ.-Prof. em. Dr. Heinz Slupetzky (Universität Salzburg, Geograph und Glaziologe)
:: Univ.-Prof. i.R. Dr. Gernot Patzelt (Universität Innsbruck, Geograph und Glaziologe)

 

Wie immer handelt es sich bei den Klimadaten auf www.zukunft-skisport.at um Betrachtungen “im Rückspiegel” und nicht um Prognosen. Seit dem Ende der “Kleinen Eiszeit” im 19. Jahrhundert sind die Temperaturen im Alpenraum allgemein stark angestiegen. Die alpinen Bergwinter sind seit Mitte der 1980er Jahre in einem Abkühlungstrend, während sich die Sommer markant erwärmt haben. Für den Skisport ist dies eine erfreuliche Atempause. Bei den Schneemengen in mittleren Höhenlagen zwischen 1.000 und 2.000 Metern Seehöhe konnte nach Durchsicht der Daten der Österreichischen Hydrographischen Landesdienste innerhalb der letzten 115 Jahre kein Abwärtstrend festgetellt werden. Der Klimawandel stellt für den Skisport im Alpenraum derzeit keine existentielle Bedrohung dar.